04 · Soziale Sicherheit
Ursachen, Zusammenhänge & Lösungen
Warum soziale Sicherheit mehr sein muss als die Auszahlung von Leistungen
Auf der vorherigen Ebene haben wir beschrieben, was soziale Sicherheit für HUMA leisten soll:
Menschen auffangen, wenn sie Unterstützung benötigen.
Eigenständigkeit ermöglichen, wo sie erreichbar ist.
Und verlässlich schützen, wo Menschen dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sind.
Auf dieser Ebene gehen wir einen Schritt tiefer.
Wir fragen:
Warum geraten Menschen überhaupt dauerhaft in Abhängigkeit von Unterstützung?
Warum gelingt der Weg zurück in Eigenständigkeit manchen Menschen – und anderen nicht?
Warum können viele einzelne Sozialleistungen trotzdem Lücken, Fehlanreize und Überforderung erzeugen?
Und wie muss ein Sozialstaat aufgebaut sein, der Sicherheit und Befähigung miteinander verbindet?
Soziale Sicherheit als zusammenhängendes System
Inhaltsverzeichnis:
A · Warum Menschen Unterstützung benötigen
01 · Soziale Probleme haben selten nur eine Ursache
02 · Geldmangel ist häufig Symptom und Ursache zugleich
03 · Unterschiedliche Lebenslagen brauchen unterschiedliche Antworten
B · Warum das heutige System Menschen verlieren kann
04 · Viele einzelne Hilfen ergeben noch kein funktionierendes System
05 · Transferentzugsraten können Eigenständigkeit erschweren
06 · Wer überfordert ist, braucht Begleitung statt zusätzliche Komplexität
07 · Probleme können sich über Generationen verfestigen
C · Von der Versorgung zur Befähigung
08 · Sicherheit ist die Voraussetzung – Eigenständigkeit das Ziel
09 · Befähigung beginnt bei den tatsächlichen Hindernissen
10 · Unterschiedliche Fähigkeiten brauchen unterschiedliche Wege in Arbeit
11 · Rechte und Pflichten funktionieren nur gegenseitig
D · Unterschiedliche Sicherungsaufgaben auseinanderhalten
12 · Erwerbslosigkeit, Alter, Krankheit und Pflege sind unterschiedliche Risiken
13 · Lebensleistung ist mehr als Erwerbsarbeit
14 · Der demografische Wandel verändert die Alterssicherung
15 · Gleiche Altersgrenzen treffen auf unterschiedliche Erwerbsbiografien
16 · Arbeitsfähigkeit ist Teil einer nachhaltigen Rentenpolitik
17 · Die Basissicherung schützt im Alter, wenn eigene Mittel nicht reichen
E · Ein Sozialstaat muss auch morgen noch funktionieren
18 · Prävention kann wirksamer sein als spätere Reparatur
19 · Sozialverwaltung braucht weniger Routine und mehr persönliche Begleitung
20 · Soziale Sicherheit braucht eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage
A · Warum Menschen Unterstützung benötigen
01 · Soziale Probleme haben selten nur eine Ursache
Menschen geraten selten aus nur einem einzigen Grund in schwierige Lebenssituationen.
Arbeitslosigkeit kann mit fehlender Qualifikation zusammenkommen.
Gesundheitliche Einschränkungen können die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt begrenzen.
Eine Trennung kann Einkommen, Wohnsituation und Kinderbetreuung gleichzeitig verändern.
Schulden können zusätzlichen Druck erzeugen.
Fehlende Kinderbetreuung kann wiederum verhindern, dass eine Beschäftigung aufgenommen oder ausgeweitet wird.
Aus einem einzelnen Problem kann so eine Kette entstehen:
Arbeitsplatzverlust
→ Einkommensverlust
→ finanzielle Probleme
→ psychische und familiäre Belastung
→ schlechtere Möglichkeiten zur Neuorientierung
→ längere Erwerbslosigkeit
Deshalb reicht es häufig nicht, nur das sichtbarste Problem zu behandeln.
Ein wirksamer Sozialstaat muss fragen:
Was ist passiert?
Welche Probleme hängen miteinander zusammen?
Und welches Hindernis verhindert momentan den nächsten Schritt?
02 · Geldmangel ist häufig Symptom und Ursache zugleich
Wer zu wenig Einkommen hat, braucht zunächst finanzielle Sicherheit.
Aber Geldmangel kann gleichzeitig Folge anderer Probleme sein.
Fehlende Qualifikation, Krankheit, Betreuungspflichten, Überschuldung oder fehlende Arbeitsmöglichkeiten können dazu führen, dass ein Mensch kein ausreichendes eigenes Einkommen erzielt.
Gleichzeitig erzeugt finanzielle Unsicherheit neue Probleme.
Wer ständig darum kämpfen muss, Miete, Strom oder Lebensmittel bezahlen zu können, hat weniger Spielraum für Weiterbildung, Mobilität, Wohnungssuche oder berufliche Neuorientierung.
Deshalb muss Sozialpolitik zwei Aufgaben gleichzeitig erfüllen:
akute Not verhindern
und
die Ursachen mangelnder Eigenständigkeit bearbeiten.
Nur Geld auszuzahlen kann deshalb genauso unzureichend sein wie die Erwartung, Menschen müssten ihre Probleme ohne ausreichende materielle Absicherung selbst lösen.
03 · Unterschiedliche Lebenslagen brauchen unterschiedliche Antworten
Unter dem Begriff soziale Sicherung werden sehr unterschiedliche Situationen zusammengefasst.
Ein Mensch, der vorübergehend seinen Arbeitsplatz verliert, benötigt etwas anderes als jemand mit dauerhaften erheblichen Einschränkungen.
Eine Familie in einer akuten Krise hat andere Bedürfnisse als ein Rentner, dessen Alterseinkommen dauerhaft nicht für ein angemessenes Leben reicht.
Auch Krankheit, Pflegebedürftigkeit und schwierige Startbedingungen stellen jeweils andere Anforderungen.
Deshalb sollte Sozialpolitik nicht zuerst fragen:
Welche Leistung können wir auszahlen?
Sondern:
Warum benötigt dieser Mensch Unterstützung – und was braucht er in seiner konkreten Situation?
Erst danach lässt sich entscheiden, ob vor allem Absicherung, Überbrückung, Befähigung oder dauerhafte Unterstützung notwendig ist.
B · Warum das heutige System Menschen verlieren kann
04 · Viele einzelne Hilfen ergeben noch kein funktionierendes System
Deutschland verfügt über zahlreiche soziale Leistungen und Unterstützungsangebote.
Jede einzelne Leistung kann einen nachvollziehbaren Zweck erfüllen.
Problematisch wird es, wenn Menschen gleichzeitig mit unterschiedlichen Leistungen, Behörden, Anträgen, Einkommensgrenzen und Zuständigkeiten umgehen müssen. Genau diese Komplexität und die schwer nachvollziehbaren Wechselwirkungen benennt bereits Ebene 2 als Reformproblem.
Dann entsteht ein System, das aus Sicht der einzelnen Institution logisch sein kann – aus Sicht des betroffenen Menschen aber kaum noch überschaubar ist.
HUMA will deshalb nicht für jedes neue Problem automatisch eine weitere Leistung schaffen.
Wir wollen zuerst prüfen:
Welche Leistungen verfolgen ähnliche Ziele?
Welche können zusammengeführt werden?
Welche können automatisch berechnet werden?
Und wo wird tatsächlich persönliche Unterstützung benötigt?
Das Ziel ist nicht weniger notwendige Hilfe.
Das Ziel ist weniger unnötige Komplexität.
05 · Transferentzugsraten können Eigenständigkeit erschweren
Wer eigenes Einkommen erzielt, zahlt Steuern und Sozialabgaben.
Gleichzeitig können mit steigendem Einkommen Transferleistungen zurückgehen.
Werden diese Systeme unabhängig voneinander gestaltet, kann eine problematische Situation entstehen:
Ein Mensch arbeitet mehr – aber von seinem zusätzlichen Einkommen bleibt nur wenig übrig.
Dann entsteht ein falsches Signal.
Nicht weil Menschen grundsätzlich nicht arbeiten möchten, sondern weil der finanzielle Unterschied zwischen verschiedenen Entscheidungen zu klein werden kann.
Deshalb müssen wir Steuer-, Sozialabgaben- und Transfersystem gemeinsam betrachten.
Der HUMA-Grundsatz lautet:
Jeder Fortschritt muss sich lohnen.
Wer eine Arbeit aufnimmt, zusätzliche Stunden arbeitet, sich qualifiziert oder beruflich aufsteigt, muss davon einen nachvollziehbaren finanziellen Vorteil haben.
Wie groß diese Effekte heute tatsächlich sind und wie ein besserer Verlauf aussehen könnte, gehört in die HUMA-Werkstatt.
06 · Wer überfordert ist, braucht Begleitung statt zusätzliche Komplexität
Menschen in schwierigen Lebenssituationen müssen heute teilweise genau dann besonders viele organisatorische Aufgaben bewältigen, wenn ihre Fähigkeit dazu am stärksten eingeschränkt ist.
Anträge müssen gestellt werden.
Fristen müssen eingehalten werden.
Unterlagen müssen beschafft werden.
Termine bei unterschiedlichen Stellen müssen koordiniert werden.
Gleichzeitig können Arbeitslosigkeit, Schulden, familiäre Probleme oder andere Belastungen bestehen.
Gerade Menschen mit mehreren Problemen gleichzeitig brauchen deshalb häufig mehr als einzelne Beratungstermine.
HUMA will in solchen Fällen stärker mit einem verantwortlichen Ansprechpartner und einem gemeinsamen Unterstützungsweg arbeiten.
Nicht der Betroffene soll die verschiedenen Hilfesysteme koordinieren müssen.
Die beteiligten Stellen müssen ihre Unterstützung um den Menschen herum organisieren.
Digitalisieren, was Routine ist. Persönlich begleiten, was komplex ist.
07 · Probleme können sich über Generationen verfestigen
Soziale Probleme betreffen nicht nur Erwachsene.
Kinder können weder die wirtschaftliche Situation ihrer Familie noch die Fähigkeiten ihrer Eltern beeinflussen.
Trotzdem können sie langfristig die Folgen tragen.
Finanzielle Unsicherheit, Überforderung, instabile Alltagsstrukturen oder fehlende Bildungs- und Teilhabemöglichkeiten können ihre Entwicklung beeinflussen.
Dadurch besteht die Gefahr, dass soziale Nachteile von einer Generation an die nächste weitergegeben werden.
Deshalb darf Sozialpolitik bei Familien nicht ausschließlich fragen:
Wie hoch ist die Geldleistung?
Sie muss auch fragen:
Was kommt tatsächlich beim Kind an?
Bildung, Betreuung, Gesundheit, Ernährung, gesellschaftliche Teilhabe und stabile Alltagsstrukturen gehören deshalb zu einer präventiven Sozialpolitik.
Das Kind soll nicht später die Probleme lösen müssen, die seine Lebensbedingungen heute erzeugen.
C · Von der Versorgung zur Befähigung
08 · Sicherheit ist die Voraussetzung – Eigenständigkeit das Ziel
Befähigung funktioniert nicht ohne Sicherheit.
Wer nicht weiß, ob morgen Miete, Strom oder Lebensmittel bezahlt werden können, kann sich nur schwer auf Weiterbildung, Arbeitssuche oder Neuorientierung konzentrieren.
Deshalb muss zuerst eine verlässliche Grundlage bestehen.
Aber Sicherheit allein ist dort nicht ausreichend, wo Menschen grundsätzlich wieder größere Eigenständigkeit erreichen können.
Dort muss sich die nächste Frage anschließen:
Was fehlt, damit dieser Mensch wieder mehr Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen kann?
Damit entsteht eine klare Reihenfolge:
Sicherheit schaffen
→ Hindernisse erkennen
→ Fähigkeiten stärken
→ Eigenständigkeit ermöglichen.
Das Ziel ist nicht, Menschen möglichst schnell aus einer Statistik herauszubekommen.
Das Ziel ist dauerhafte Eigenständigkeit, soweit sie erreichbar ist.
09 · Befähigung beginnt bei den tatsächlichen Hindernissen
Nicht jeder Mensch braucht dieselbe Unterstützung.
Bei einem Menschen fehlt möglicherweise eine berufliche Qualifikation.
Bei einem anderen Kinderbetreuung.
Bei einem dritten Sprachkenntnisse.
Andere benötigen Schuldnerberatung, gesundheitliche Stabilisierung, Berufsorientierung oder Unterstützung bei der Organisation ihres Alltags.
Deshalb beginnt Befähigung mit einer individuellen Bestandsaufnahme:
Was kann dieser Mensch?
Was möchte und kann er erreichen?
Was verhindert momentan Eigenständigkeit?
Welche Unterstützung kann dieses Hindernis tatsächlich beseitigen?
Daraus entsteht ein individueller Befähigungsweg.
Wo mehrere Probleme gleichzeitig bestehen, soll die Begleitung entsprechend enger sein.
Damit verändert sich die Logik:
Nicht:
Welche Maßnahme haben wir gerade im Angebot?
Sondern:
Welche Unterstützung benötigt dieser Mensch tatsächlich?
10 · Unterschiedliche Fähigkeiten brauchen unterschiedliche Wege in Arbeit
Nicht jeder Mensch kann unter denselben Bedingungen arbeiten.
Menschen unterscheiden sich in Arbeitsgeschwindigkeit, körperlicher Belastbarkeit, Konzentrationsfähigkeit und darin, wie sie mit Zeitdruck oder wechselnden Anforderungen umgehen können.
Deshalb reicht die Frage:
Kann dieser Mensch arbeiten?
nicht aus.
Die bessere Frage lautet:
Unter welchen Bedingungen kann dieser Mensch seine Fähigkeiten sinnvoll einsetzen?
Ein Mensch kann für bestimmte Tätigkeiten sehr geeignet sein und trotzdem mit den üblichen Anforderungen eines Arbeitsplatzes Schwierigkeiten haben.
Technische Unterstützung, angepasste Aufgaben, geeignete Arbeitszeiten oder persönliche Begleitung können dann entscheidend sein.
Dabei sollte nicht ausschließlich eine formale Diagnose bestimmen, ob Unterstützung möglich ist. Entscheidend muss die nachvollziehbar festgestellte individuelle Situation sein.
Auch wirtschaftlich muss dabei die gesellschaftliche Gesamtwirkung betrachtet werden.
Ein Arbeitsplatz mit geringerer individueller Arbeitsgeschwindigkeit kann gesamtgesellschaftlich sinnvoller sein als dauerhafte Erwerbslosigkeit, wenn dadurch vorhandene Fähigkeiten genutzt und Eigenständigkeit ermöglicht werden.
Wie solche Arbeitsplätze konkret gestaltet und unterstützt werden können, behandeln wir vertieft im Bereich Arbeit & Qualifikation.
11 · Rechte und Pflichten funktionieren nur gegenseitig
Befähigung darf weder ein unverbindliches Angebot noch ein einseitiges Forderungssystem sein.
Wenn die Gesellschaft von einem Menschen erwartet, dass er Verantwortung übernimmt, muss sie ihm auch realistische Möglichkeiten dafür anbieten.
Wer arbeiten kann, braucht erreichbare Arbeitsmöglichkeiten.
Wer Qualifikation benötigt, braucht geeignete Qualifizierung.
Wer wegen fehlender Kinderbetreuung keine Arbeit aufnehmen kann, benötigt eine realistische Betreuungslösung.
Wer intensive Unterstützung benötigt, muss diese auch tatsächlich erhalten können.
Im Gegenzug darf die Gesellschaft erwarten, dass zumutbare Möglichkeiten ernsthaft genutzt werden.
Deshalb gehören für HUMA Rechte und Pflichten zusammen. Diese gegenseitige Verantwortung ist bereits ein Grundprinzip der Ebene 2.
Nicht als Misstrauensprinzip.
Sondern als gegenseitige Verantwortung.
Der Staat muss Befähigung ermöglichen. Wer diese Möglichkeiten nutzen kann, muss Verantwortung für den eigenen Weg übernehmen.
D · Unterschiedliche Sicherungsaufgaben auseinanderhalten
12 · Erwerbslosigkeit, Alter, Krankheit und Pflege sind unterschiedliche Risiken
Nicht jedes soziale Risiko lässt sich mit demselben Instrument absichern.
Erwerbslosigkeit kann vorübergehend sein und häufig mit Wiedereingliederung, Qualifikation und Arbeitsmarkt verbunden werden.
Alter ist dagegen keine vorübergehende Phase, aus der Menschen wieder in Erwerbsarbeit „befähigt“ werden sollen.
Krankheit und Pflegebedürftigkeit stellen wiederum andere Anforderungen.
Deshalb braucht ein funktionierender Sozialstaat unterschiedliche Sicherungssysteme – aber gemeinsame Grundprinzipien und möglichst einfache Schnittstellen.
HUMA will deshalb nicht sämtliche Sozialleistungen in eine einzige Universalzahlung verwandeln.
Vereinfachung bedeutet nicht Gleichmacherei.
Unterschiedliche Risiken brauchen passende Antworten.
13 · Lebensleistung ist mehr als Erwerbsarbeit
Gesellschaftlicher Beitrag lässt sich nicht vollständig an Erwerbseinkommen oder eingezahlten Sozialbeiträgen messen.
Menschen erziehen Kinder.
Sie pflegen Angehörige.
Sie übernehmen Verantwortung in Familie und Gesellschaft.
Solche Tätigkeiten schaffen gesellschaftlichen Wert, erscheinen aber nur teilweise in klassischen Einkommens- und Rentenbiografien.
Deshalb untersucht HUMA mit der Lebensleistungsmatrix, wie unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Leistung angemessen berücksichtigt werden können.
Dabei geht es nicht darum, jede menschliche Tätigkeit mit einem Geldbetrag zu versehen.
Es geht um die Frage:
Wo erzeugt unser heutiges Sicherungssystem systematische Nachteile für Menschen, die gesellschaftlich notwendige Verantwortung übernommen haben?
Diese Frage betrifft besonders die Alterssicherung.
14 · Der demografische Wandel verändert die Alterssicherung
Die gesetzliche Rentenversicherung bleibt für HUMA die zentrale Grundlage der Alterssicherung.
Aber ihre Rahmenbedingungen verändern sich.
Wenn geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand gehen und kleinere Generationen in das Erwerbsleben nachrücken, verändert sich das Verhältnis zwischen Beitragszahlenden und Rentenbeziehenden.
Die politische Diskussion konzentriert sich deshalb häufig auf drei Stellschrauben:
Beiträge erhöhen.
Renten reduzieren.
Oder das Rentenalter erhöhen.
HUMA hält diese Betrachtung für zu eng.
Denn für die Tragfähigkeit der Alterssicherung ist nicht allein entscheidend, wie viele Menschen ein bestimmtes Lebensalter erreichen.
Entscheidend ist auch:
Wie viele Menschen können am Erwerbsleben teilnehmen?
Wie lange bleiben sie gesund arbeitsfähig?
Wie entwickelt sich die Produktivität?
Wie breit ist die Finanzierungsbasis?
Und wie können Übergänge zwischen Erwerbsarbeit und Ruhestand gestaltet werden?
Deshalb ist die Rentenfrage nicht nur Sozialpolitik.
Sie verbindet sich unmittelbar mit Arbeitsmarkt, Gesundheit, Bildung, Demografie und wirtschaftlicher Entwicklung.
Die Alterssicherung lässt sich nicht mit einer einzigen Stellschraube dauerhaft stabilisieren.
15 · Gleiche Altersgrenzen treffen auf unterschiedliche Erwerbsbiografien
Ein einheitliches Rentenalter behandelt Menschen formal gleich.
Ihre Erwerbsbiografien können jedoch sehr unterschiedlich sein.
Ein Mensch kann bereits mit 16 oder 17 Jahren eine Ausbildung beginnen und anschließend jahrzehntelang körperlich belastende Arbeit leisten.
Ein anderer beginnt nach einer längeren Ausbildung oder einem Studium deutlich später mit seiner Erwerbstätigkeit.
Dazwischen liegen sehr unterschiedliche Lebenswege:
Kindererziehung.
Pflege von Angehörigen.
Teilzeit.
Krankheit.
Arbeitslosigkeit.
Berufswechsel.
Und unterschiedlich belastende Tätigkeiten.
Deshalb reicht die Frage
„Wie alt ist ein Mensch?“
allein nicht aus.
HUMA untersucht deshalb, wie Lebensarbeitszeit und Erwerbsbiografie stärker mit dem Übergang in die Rente verbunden werden können.
Dabei wollen wir Rentenhöhe und Renteneintritt stärker auseinanderhalten.
Die Rentenhöhe bildet erworbene Ansprüche ab.
Beim Zeitpunkt des Renteneintritts kann dagegen stärker berücksichtigt werden, wie lange und unter welchen Bedingungen ein Mensch bereits gearbeitet hat.
Daraus entstehen in der HUMA-Werkstatt die Modelle eines Lebensarbeitskontos und eines persönlichen Rentenfensters.
Die konkrete Berechnung gehört auf Ebene 4.
Hier ist zunächst der Grundgedanke entscheidend:
Dass zwei Menschen am selben Geburtstag gleich alt sind, bedeutet nicht, dass sie dieselbe Erwerbsbiografie hinter sich haben.
16 · Arbeitsfähigkeit ist Teil einer nachhaltigen Rentenpolitik
Die Frage, wie lange Menschen arbeiten können, entscheidet sich nicht erst kurz vor dem Renteneintritt.
Wenn ein Mensch seine Tätigkeit aufgrund körperlicher oder psychischer Belastungen bereits Jahre vorher nicht mehr ausüben kann, ist das nicht ausschließlich ein Rentenproblem.
Es ist auch eine Frage von:
Arbeitsbedingungen.
Gesundheit.
Prävention.
Arbeitszeit.
Ergonomie.
Weiterbildung.
Technischer Unterstützung.
Und möglichen Tätigkeitswechseln.
Deshalb muss eine Rentenreform früher ansetzen.
Kann ein Mensch seine bisherige Tätigkeit nicht mehr ausüben, sollte geprüft werden, ob Arbeitsbedingungen angepasst, Arbeitszeiten verändert, andere Aufgaben übernommen oder durch Weiterbildung neue Tätigkeiten ermöglicht werden können.
Wo Erwerbsfähigkeit tatsächlich dauerhaft eingeschränkt ist, muss dagegen eine verlässliche Absicherung greifen.
Das Ziel ist nicht, Menschen möglichst lange zur Arbeit zu verpflichten.
Das Ziel ist:
Arbeitsfähigkeit erhalten, wo es möglich ist – und verlässlich absichern, wo sie nicht mehr ausreichend vorhanden ist.
Damit verbindet sich die Rentenreform unmittelbar mit Arbeit & Qualifikation sowie Gesundheit & Pflege.
17 · Die Basissicherung schützt im Alter, wenn eigene Mittel nicht reichen
Die gesetzliche Rentenversicherung bleibt die zentrale Absicherung im Alter.
Aber nicht jeder Mensch erreicht im Laufe seines Lebens ein Alterseinkommen, das für ein angemessenes Leben ausreicht.
Deshalb braucht es eine ergänzende bedarfsorientierte Absicherung.
HUMA bezeichnet diese als Basissicherung im Alter.
Sie ist kein Bürgergeld und keine allgemeine Grundsicherung bei Erwerbslosigkeit.
Sie greift dort, wo Renteneinkommen und andere verfügbare Mittel im Alter nicht ausreichen.
Dabei soll die Leistung nicht pauschal an alle Rentner ausgezahlt werden.
Entscheidend ist der tatsächliche Bedarf.
Gleichzeitig muss überprüft werden, welches Niveau ein angemessenes Leben im Alter tatsächlich ermöglicht. Das Ebene-2-Dokument hält bereits fest, dass eine Absicherung ungefähr auf dem heutigen Niveau der Grundsicherung einschließlich angemessener Wohnkosten nach unserem bisherigen Verständnis möglicherweise nicht ausreicht.
Deshalb prüfen wir die Höhe anhand unserer HUMA-Warenkörbe für:
Grundlagen · Teilhabe · Sicherheit.
Die genaue Ausgestaltung und die notwendige Höhe der Basissicherung gehören in die HUMA-Werkstatt. Die Reform der gesetzlichen Rentenversicherung wird davon getrennt betrachtet.
E · Ein Sozialstaat muss auch morgen noch funktionieren
18 · Prävention kann wirksamer sein als spätere Reparatur
Sozialpolitik greift häufig erst ein, wenn ein Problem bereits groß geworden ist.
Langzeitarbeitslosigkeit.
Überschuldung.
Bildungsprobleme.
Familiäre Überforderung.
Gesundheitliche Folgewirkungen.
Dann werden erhebliche Mittel benötigt, um entstandene Schäden zumindest teilweise zu begrenzen.
HUMA will deshalb stärker fragen:
Wo können wir verhindern, dass aus einem kleinen Problem ein großes wird?
Eine rechtzeitige Weiterbildung kann günstiger und wirksamer sein als jahrelange Erwerbslosigkeit.
Frühe Unterstützung einer überforderten Familie kann langfristige Nachteile für Kinder verhindern.
Schuldnerberatung kann helfen, bevor eine finanzielle Krise vollständig eskaliert.
Dasselbe gilt für die Alterssicherung. Gesundheitliche Prävention, bessere Arbeitsbedingungen, Weiterbildung und rechtzeitige Tätigkeitswechsel können dazu beitragen, Arbeitsfähigkeit länger zu erhalten und vermeidbare Erwerbsminderung oder Frühverrentung zu verhindern.
Prävention bedeutet dabei nicht, dass jedes Problem vorhersehbar oder vermeidbar wäre.
Aber wo frühes Handeln nachweislich wirksamer ist, sollte der Sozialstaat nicht warten, bis die teuerste Phase erreicht ist.
19 · Sozialverwaltung braucht weniger Routine und mehr persönliche Begleitung
Ein moderner Sozialstaat braucht beides:
leistungsfähige digitale Verwaltung und erreichbare Menschen.
Standardvorgänge sollten möglichst einfach, automatisiert und ohne wiederholte Dateneingabe funktionieren.
Wenn der Staat bereits über notwendige Informationen verfügt, sollte er Menschen nicht immer wieder dieselben Nachweise abverlangen.
Dadurch kann Verwaltungsarbeit reduziert werden.
Die frei werdende Zeit wird aber gerade dort gebraucht, wo Digitalisierung allein nicht hilft.
Menschen mit komplexen Problemen benötigen Ansprechpartner, die Zusammenhänge verstehen, Hilfen koordinieren und den weiteren Weg begleiten können.
Das Ziel lautet deshalb nicht:
Mensch oder Digitalisierung.
Sondern:
Routine automatisieren – menschliche Kompetenz dort einsetzen, wo sie tatsächlich gebraucht wird.
20 · Soziale Sicherheit braucht eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage
Ein Sozialstaat kann langfristig nur das verteilen, was eine Gesellschaft dauerhaft erwirtschaften und finanzieren kann.
Demografischer Wandel, steigende Gesundheits- und Pflegekosten und Veränderungen der Arbeitswelt erhöhen den Druck auf die Sozialversicherungssysteme. Auch Ebene 2 benennt deshalb eine breitere Finanzierung, Reformen von Kostenstrukturen und eine stärkere Beteiligung des Produktivitätsfortschritts als zentrale Aufgaben.
Dauerhaft steigende Belastungen auf menschliche Arbeit allein können darauf keine ausreichende Antwort sein.
Deshalb verbindet HUMA soziale Sicherheit mit Produktivität und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
Der entwickelte Produktivitätsbeitrag soll zunächst zur Stabilisierung der Sozialversicherungssysteme beitragen.
Das betrifft ausdrücklich auch die gesetzliche Rentenversicherung. Der Produktivitätsbeitrag soll die demografische Herausforderung jedoch nicht allein lösen. Beschäftigung, Arbeitsfähigkeit, Produktivität, eine tragfähige Beitragsbasis und eine klare Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben müssen gemeinsam betrachtet werden.
Erst darüber hinaus verfügbare Mittel werden für „Mehr Netto vom Brutto“ eingesetzt.
Gleichzeitig müssen ineffiziente Kostenstrukturen reformiert werden.
Denn auch hier gilt:
Mehr Geld in ein ineffizientes System zu geben, löst dessen strukturelle Probleme nicht.
Soziale Sicherheit und wirtschaftliche Stärke sind deshalb keine Gegensätze.
Sie bedingen sich gegenseitig.
Eine leistungsfähige Wirtschaft ermöglicht soziale Sicherheit. Eine verlässliche soziale Ordnung schafft wiederum Stabilität, Vertrauen und die Grundlage für wirtschaftliche Entwicklung.
Wie die Zusammenhänge ineinandergreifen
Die einzelnen Probleme lassen sich nicht getrennt voneinander lösen.
Finanzielle Unsicherheit
↓
kann persönliche und familiäre Probleme verstärken
↓
diese können wiederum Eigenständigkeit erschweren
↓
ein kompliziertes Hilfesystem kann zusätzliche Überforderung erzeugen
↓
fehlende Befähigung kann Unterstützungsbedarf verlängern
↓
lange Unterstützungsphasen erhöhen wiederum die finanziellen Anforderungen an den Sozialstaat.
HUMA versucht deshalb, diese Kette an mehreren Stellen gleichzeitig zu unterbrechen:
verlässliche Sicherheit
↓
Ursachen und Hindernisse erkennen
↓
individuell befähigen und begleiten
↓
Arbeit und Eigenständigkeit finanziell lohnend machen
↓
unnötige Verwaltung reduzieren
↓
dauerhafte Unterstützung dort gewährleisten, wo Eigenständigkeit nicht erreichbar ist
↓
Arbeitsfähigkeit und Lebensleistung über das Erwerbsleben hinweg berücksichtigen
↓
flexible und tragfähige Übergänge in die Alterssicherung ermöglichen
↓
Bedürftigkeit im Alter gezielt absichern
↓
Sozialversicherung langfristig finanzierbar halten.
Was noch offen ist
Ein wichtiger Bereich ist bewusst noch nicht abgeschlossen:
Grundsicherung bei Erwerbslosigkeit
HUMA hat hierfür noch kein endgültiges Leistungsniveau und kein vollständig durchgerechnetes Nachfolgemodell festgelegt. Auch Ebene 2 weist diesen Punkt ausdrücklich als offene Werkstattfrage aus.
Zu klären sind unter anderem:
Welches Niveau sichert die notwendigen Grundlagen?
Welche gesellschaftliche Teilhabe muss auch bei längerer Erwerbslosigkeit möglich bleiben?
Wie werden Wohnkosten berücksichtigt?
Wie unterscheiden wir Haushaltstypen?
Wie schnell gehen Leistungen bei steigendem Einkommen zurück?
Welche Pflichten sind zumutbar?
Welche Unterstützung muss der Staat im Gegenzug verbindlich anbieten?
Wie verhindern wir Missbrauch, ohne jeden Menschen unter Generalverdacht zu stellen?
Und wie stellen wir sicher, dass jeder Schritt in Richtung Eigenständigkeit tatsächlich einen Vorteil bringt?
Diese Fragen müssen gemeinsam beantwortet werden.
Eine offene Frage ist besser als eine scheinbar einfache Antwort auf ein noch nicht vollständig gelöstes Problem.
Der Zusammenhang in einem Satz
HUMA will einen Sozialstaat, der Menschen verlässlich auffängt, die Ursachen von Unterstützungsbedarf ernst nimmt, Eigenständigkeit ermöglicht, wo sie erreichbar ist, und dauerhaft schützt, wo sie nicht erreichbar ist – ohne dabei seine eigene finanzielle Grundlage zu verlieren.
Im Alter bedeutet das: Lebensleistung anerkennen, unterschiedliche Erwerbsbiografien berücksichtigen, flexible Übergänge ermöglichen und dort verlässlich absichern, wo die eigenen Alterseinkünfte nicht ausreichen.
